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Mit „Don’t stay naked“ durch Hamburgs kleine Läden

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Hamburg steckt voller kleiner Läden, Hinterhöfe und Geschichten. Viele gehen täglich an ihnen vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Die Tour von „Don’t stay naked“ verändert den Blick. Sie führt nicht nur zu besonderen Geschäften, sondern zeigt, warum es sich lohnt, stehen zu bleiben, genauer hinzusehen und die Hansestadt zu entdecken. Und manchmal beginnt das eigentliche Entdecken erst, wenn die Tour längst vorbei ist.

Wo ist der schwarze Jutebeutel?

Suchende Blicke vor der Treppe zum Media Markt im Altonaer Bahnhof. Irgendwo müsste sie sein. Erkennungszeichen ist ein schwarzer Jutebeutel mit der Aufschrift „Don’t stay naked“. So hat Carolin Otto es vorab per Mail angekündigt. Bleibt die Frage, wer von den zahlreichen Menschen ebenfalls Ausschau nach der Tasche hält.

Es ist noch kurz vor der vereinbarten Zeit, da haben sich die Teilnehmerinnen zusammengefunden. Eine kurze Begrüßung. Eine Vorstellungsrunde. Schnell wird klar: An diesem Nachmittag ist niemand für die Tour nach Hamburg gereist. Alle Teilnehmerinnen kommen aus der Hansestadt. Doch das ist nicht immer so. Immer wieder nehmen Menschen eine weite Anreise in Kauf, um mit Carolin Hamburg aus einer anderen Perspektive kennenzulernen.

Stadtführungen verbindet man meist mit Touristen. Mit Menschen, die eine Stadt zum ersten Mal besuchen. Genau für sie hat Carolin „Don’t stay naked“ ursprünglich entwickelt. Auf Städtereisen suchte sie immer nach kleinen, besonderen Läden – nach Geschäften, die nicht auf den großen Einkaufsstraßen liegen und in keinem klassischen Reiseführer stehen. Meist blieb die Suche erfolglos. Irgendwann entstand daraus eine Idee: „Don’t stay naked“.

Carolin verteilt die schwarzen Jutebeutel. Darin: Informationsmaterial zur Tour, Visitenkarten und Gutscheine. Kaufen müsse heute übrigens niemand, sagt sie gleich zu Beginn. Wer stöbern möchte, stöbert. Wer einfach nur entdecken möchte, ist genauso willkommen.

“Ich wollte etwas Echtes. Etwas, das mich an genau diese Stadt erinnert.”

Carolin Otto, Gründerin von Don't stay naked

Ein Blick auf den Schellfischtunnel

Wenig später setzt sich die kleine Gruppe in Bewegung. Allerdings nicht in Richtung der ersten Geschäfte. Im Gegenteil. Carolin führt die Gruppe erst einmal in die entgegengesetzte Richtung. Weg von Ottensens kleinen Läden. Weg von den Schaufenstern.

„Seht ihr die Schiene dort?“, fragt sie und zeigt hinunter. Eine Teilnehmerin folgt ihrem Blick. „Die geht doch da unten bis zum Hafen, oder?“ Carolin nickt.

Die vier Frauen schauen hinunter auf den Schellfischtunnel. Einst wurden hier Fische von den Landungsbrücken nach Altona transportiert. Seinen Namen verdankt der Tunnel allerdings nicht einer offiziellen Bezeichnung, sondern dem Volksmund. In der Elbe wurde damals reichlich Schellfisch gefangen – heute ist er dort kaum noch zu finden.

Mit offenen Augen durch Ottensen

Die Gruppe verlässt den Bahnhof Richtung Ottenser Hauptstraße. Carolin erklärt während des Gehens mit einem Blick nach rechts: „Das Mercado wurde 1995 eröffnet. Wir gehen da aber nicht rein. Zu kommerziell.“ Es dauert nicht lange, bis die 42-Jährige erneut stehen bleibt. Nicht vor einem Schaufenster. Nicht vor einem Café. Sondern vor einem kleinen Detail, das den meisten vermutlich nie auffallen würde. Sie deutet auf einen Durchgang zu einem Hinterhof. „Schaut mal“, sagt sie und zeigt auf eine kleine Street-Art-Figur. „Haltet unbedingt die Augen auf. Street Art gehört hier zum Stadtbild.“ Wer mit Carolin unterwegs ist, entdeckt nicht nur Geschäfte. Man entdeckt einen Stadtteil neu.

„Der Laden da drüben ist übrigens wunderschön“, sagt sie und weist auf die andere Straßenseite. „Da gehen wir heute nicht rein. Wenn ihr das nächste Mal hier seid, schaut aber unbedingt mal vorbei. Und nehmt Zeit mit, die braucht man dort.“ Es ist der erste Laden, den Carolin empfiehlt, ohne ihn zu betreten. Und nicht der letzte. Immer wieder weist sie auf Geschäfte hin, die nicht Teil der Tour sind. Dazu kommen Empfehlungen für Restaurants und Cafés. Mal erzählt sie nur einen Satz dazu. Mal bleibt sie kurz stehen. So auch vor einem kleinen Café: „Hier gibt’s meiner Meinung nach den zweitbesten New York Cheesecake der Stadt.“ Natürlich kommt sofort die Frage: „Und wo gibt’s den besten?“ Carolin lächelt. „Geduld.“ Dann geht es weiter.

Neun Läden – unzählige Geschichten

Die neun Läden der Tour hat Carolin bewusst ausgewählt. Jeder von ihnen steht für etwas anderes. Mal geht es um Papeterie, mal um handgemachte Produkte, mal um Bücher oder um Mode. Die Mischung ist kein Zufall.

„Ich weiß nicht, wie viele Mails ich geschrieben habe. Antworten gab es auf jeden Fall so gut wie keine“, erinnert sie sich. Also ging sie los. Von Laden zu Laden. Sie stellte sich persönlich vor, erklärte ihre Idee und führte unzählige Gespräche. „Ich habe Klinken geputzt“, sagt sie und lacht.

Nicht jeder Laden wollte Teil der Tour werden. Manche sagten ab. Andere waren zunächst skeptisch. Heute gehören neun von ihnen fest zu „Don’t stay naked“.

Der erste Laden

Kurz darauf öffnet sich die Tür zum ersten Geschäft. Carolin begrüßt die Frau hinter dem Tresen, stellt die kleine Gruppe kurz vor und wechselt ein paar Worte. Langsam verteilt sich die Gruppe im Laden. Mal bleibt jemand an einem Regal stehen. Mal wird etwas in die Hand genommen, von allen Seiten betrachtet und wieder zurückgelegt.

„Oh, wie schön! Du hast was gefunden“, sagt eine Teilnehmerin lächelnd, als eine andere mit einem kleinen Einkauf zur Kasse geht. Etwa eine Viertelstunde später geht die Tür wieder auf. Zum Abschied gibt es für alle noch eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses.

„Ich dachte zuerst an ,Eat the World‘“

Die Gruppe zieht weiter durch Ottensen. Von Laden zu Laden. Immer wieder bleibt Carolin stehen, erzählt, zeigt auf kleine Details oder empfiehlt einen Laden, der nicht auf der Liste steht. „Fürs nächste Mal“, schmunzelt sie. Schließlich öffnet sich die Tür zu Silke Ohlsens Geschäft. Der Laden ist klein. Zwei Teilnehmerinnen stöbern zwischen den Regalen, als Silke aus dem hinteren Teil nach vorne kommt. „Oh“, lacht sie. „Da ist ja jemand.“ Carolin winkt von draußen kurz durchs Schaufenster. Wie in vielen anderen Geschäften wartet sie vor der Tür.

Auf Nachfrage erzählt Silke, warum sie sich anfangs gar nicht sicher war, ob sie Teil der Tour werden möchte. Der Laden liege in zweiter Reihe, Laufkundschaft verirre sich nur selten. Touristen in größeren Gruppen? Die würde sie nicht bei sich sehen. „Ich dachte zuerst, das geht in Richtung ,Eat the World‘“, erinnert sie sich. Doch Carolin erklärte vor Ort das Konzept. Kleine Gruppen. Kein Gedränge. Keine Menschenmassen. Vor allem aber kam sie persönlich vorbei und nahm sich Zeit. „Das hat mich überzeugt“, betont Silke. Seit der ersten Tour gehört ihr Laden zu „Don’t stay naked“.

Zehn Jahre bis zur ersten Tour

Genau solche Geschäfte sind der Grund, warum Carolin die Touren überhaupt ins Leben gerufen hat. Auf Städtereisen zog es sie nie in die großen Einkaufsstraßen. Sie suchte die kleinen Läden. Orte, an denen Menschen mit Leidenschaft ausgewählte Dinge verkaufen und Geschichten erzählen. In Städten wie Helsinki, Stockholm oder London wusste sie, dass es sie geben musste. Gefunden hat sie sie nur selten.

„Ich wollte nie einen Magneten oder Touri-Schnickschnack mit nach Hause nehmen“, so Carolin. Gesucht hat sie etwas Echtes, das sie an genau diese Stadt erinnert.

Mit „Don’t stay naked“ macht sie heute genau diese Orte sichtbar. Für Besucher. Und, wie sich inzwischen zeigt, genauso für Hamburger.

Über zehn Jahre geht Carolin mit der Idee für die Touren schwanger. Nach fast jeder Reise kommt derselbe Gedanke zurück: „Wieso kann mir niemand sagen, wo sich diese Shops verstecken? Könnte ich das nicht hier in Hamburg allen zeigen?“ Damals arbeitet sie noch im Marketing. Die Idee bleibt eine Idee. Dann kommt Corona und rückt sie erst einmal in den Hintergrund.

Erst Jahre später wird aus dem Gedanken eine innere Unruhe. „Ich habe meinen Job gekündigt und etwas in mir sagte: ,Du solltest es tun.‘ Aber ich hatte Angst vor der Selbstständigkeit und habe mich noch einmal fest anstellen lassen“, erzählt Carolin. Allerdings mit dem Gefühl, dass das nicht der richtige Weg für sie sei. Im Sommer 2025 fasst sie schließlich den Entschluss, sich selbstständig zu machen. Es folgen Workshops, Beratungsgespräche und die ersten Gespräche mit den Läden. Im März 2026 laufen Familie und Freunde Probe. Einen Monat später starten die ersten offiziellen Touren.

„Fürs nächste Mal“

Nach knapp zweieinhalb Stunden endet die Tour mitten in Ottensen. Kurz vor dem Ziel deutet Carolin auf ein Café: „Und hier gibt’s übrigens den besten New York Cheesecake.” Sie lacht. Die schwarzen Jutebeutel sind inzwischen reich gefüllt. Mit kleinen Geschenken der Läden. Mit Adressen, die man sich merken möchte. Und mit dem einen oder anderen Einkauf.

Die Gruppe verabschiedet sich. Carolin bleibt noch für ein kurzes Gespräch. Dann trennt sich die Gruppe. Zwei der Teilnehmerinnen biegen wenig später noch einmal in einen Laden ein, den Carolin unterwegs empfohlen hatte. „Fürs nächste Mal“, hatte sie schmunzelnd gesagt. Offenbar musste das nächste Mal gar nicht lange warten.

Mehr Infos zu den Touren von „Don’t stay naked“

Aktuelle Touren
Ottensen
Schanze

In Planung
Weitere Hamburger Stadtteile

Dauer
ca. 2,5 Stunden

Gruppengröße
Max. 8 Personen, nach Absprache auch 10 Personen möglich

Sprache
Deutsch

Website
dontstaynaked.de

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